Reissues

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens von Schwefel begab ich mich auf eine Zeitreise, zurück in das Jahr 1984. Tief unten in den Schränken meiner Archivkammern zog ich es hervor und habe es remastert: Das erste Schwefel Tape - Strange Orchestras - welches Ihr Euch hier runterladen könnt.

 

Es werden außerdem kleine Geschichten über die Entstehung der jeweiligen Tonträger hier veröffentlicht.

 

Schwefel – Strange Orchestras (1985) produced and performed by Norbert Schwefel
Remastered at Sulphur Sonic Januar 2009 mit teschnischer Unterstützung von volker langenfelder und jochen daum

1. The Music Crept By Us (words by Leonard Cohen) (4:15)
2. Masque (1:22)
3. Estray (3:46) mit Dieter Hirsch
4. Ozone I (4:25)
5. Jog Trot (0:36)
6. Daughters & Witches (5:47)
7. Ozone II (2:15)
8. Nocturnal (6:58)

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Das erste Tape - Strange Orchestras - und wie es dazu kam

Es war schon seltsam. Ein paar Jahre zuvor schlug Keith Emerson mit seinem Flügel einen Salto auf der Bühne und feuerte 2 Kanonen auf das Publikum ab, und plötzlich wurde die ganze Musik der 70er Jahre auf solchen Schwachsinn reduziert und über einen Kamm geschoren. All die genialen Bands, wie ich fand, wurden nur noch akzeptiert, wenn sie ein Drogenopfer vorzuweisen hatten. Von Velvet Underground hatte man zu dieser Zeit nur in den intellektuellen Kreisen der Kunstszene gehört. In Lampertheim, einer spießbürgerlichen Kleinstadt in Südhessen, wo ich herkam, waren sie kaum jemandem bekannt. Klar, Lou Reeds Solokarriere kannten wir. Doch bei „Heroin“ kamen die Junkies in unserer Clique immer so ins Schwärmen, als wollten sie sagen: „Du kleines Würstchen, was weißt du schon, von was er redet“. Und weil ich nie ein Junkie war und auch nicht werden wollte, war mir Lou Reed kein Vorbild. Ich kam vom Glam- & Hardrock. Marc Bolan hatte ich geliebt und mein Wunsch war es, so zu werden wie er. Doch schon im zarten Alter von 12 (1972) wurde mir von einem älteren Schulkollegen zu verstehen gegeben, dass die Musik von Marc Bolan Teenager Scheiße und kommerzieller Ausverkauf sei, das man Pink Floyd hören müsse, wenn man progressiv sein wolle. Also hörte ich eben Pink Floyd, und ich muss zugeben, dass „The Piper“, mein erstes Album was ich mir von ihnen kaufte weil es das Billigste war, mit „Astronomy Domine“ einen faszinierenden Opener enthielt, dessen Anfang ich bereits von einem Politikmagazin aus dem Fernsehen kannte. Dann studierte ich die Woodstockgeneration, all die Pioniere der späten 60er, und die progressiven Bands, vor allem aus England, wie Yes, Genesis, King Crimson, auch den Krautrock verehrte ich sehr. Ich entwickelte mich weiter Richtung Jazz, hörte zehn LPs hintereinander Keith Jarretts Klavierimprovisationen, trank aromatisierten Tee und las Hermann Hesse. Mit den gleichen Zwängen, die sich Siddhartha auferlegte, versuchte ich, in der Meditation die Erleuchtung zu finden. Nur war das leider kein Mittel, den Frust und den Hass gegen die Unterdrückung, die mir während meiner Landschaftsgärtnerlehre widerfahren war, los zu werden. Mit der Politband Ton Steine Scherben um den Sänger Rio Reiser kam der Aufruf zur totalen Rebellion. Sowieso war es wichtig, sich selbst zu verwirklichen und nicht wie ein Sklave von irgendwelchen Arschlöchern rumschikanieren zu lassen. „Keine Macht für Niemand“ war unser Leitspruch. Das machte Zorn in dieser vom Krieg geprägten Spießer-Gesellschaft und es wurde immer klarer, dass man sich eher der RAF anschließen wollte, als sich mit seiner Situation abzufinden. Doch dann verließ uns der Mut und wir fanden unsere Erlösung in den Drogen. Es war eine heftige Drogenzeit. Sie gehörten dazu wie das tägliche Brot. Freunde starben an Überdosen. Wir suchten weiter und fanden neue Leitfiguren. Joy Division überreizten mich mit den Todessehnsüchten des suizidgefährdeten Ian Curtis. Das war die neue Richtung! Eine Ausgeburt des Punk, welche sich New Wave nannte. Hatte der Punk letztendlich doch gesiegt? Obwohl ich in Joy Division nicht den Punk, sondern meine geliebten 70er wieder entdeckt sah, war er plötzlich da wie ein stinkendes Stück Dönerfleisch in den abgefuckten Städten, die ihn hervorbrachten. Nachdem ich den Umzug - raus aus dem idyllischen Lampertheim, rein in das Industrie-Ghetto Mannheim - mit meiner damaligem Freundin vollzogen hatte, wollte ich eigentlich das einzige Mal in meinem Leben bürgerlich werden. Doch es gab schnell Interessenskonflikte, sie hörte BAP, ich hörte immer noch meinen Peter Hammill, der mich so mitfühlend durch meine Drogenzeit begleitet hatte. Nachdem sie sich schnell von mir verabschiedet hatte und wieder in das Nest zurückging, wo sie her kam, fiel ich in ein tiefes Loch. Wollte ich gerade noch mit frisch geschnittenen Haaren bürgerlich werden, kam jetzt das Hirngespinst auf, direkt neben der stinkenden Schokoladenfabrik einen auf Dandy zu machen. Nena war jetzt groß im Geschäft und Yazoo, Dexy´s Midnight Runners, Michael Jackson und Totos „Rosanna“, es war schrecklich, eine vollkommen orientierungslose Zeit.


Dann quälte ich mich durch einen der untersten Gärtnerjobs und besorgte mir Equipment zum Selbstproduzieren. In der Vergangenheit hatte ich schon Musik gemacht, hatte Gitarren- und Klavierunterricht besucht und in einer Neue Deutsche Welle-Band Gitarre gespielt. Die Band nannte sich Backwahn, ein Wortspiel aus frisch gebackenem Wahnsinn und dem berühmten Guru. Virgin Prunes, Can, The Legendary Pink Dots waren jetzt Bands, die ich hörte. Lustigerweise genoss mein ehemaliger Held Marc Bolan (mittlerweile gestorben) nun neue Beliebtheit. Sollte mein Musikgeschmack, der mir von meinem damaligen Schulkollegen madig gemacht worden war, jetzt etwa in der Punkära cool sein? Ich kaufte mir meinen ersten Synthesizer, spielte in einer Punkband namens 16 Kitchen, in der ich Synthieklänge à la Eloy einbrachte. Dann trat ich der Experimentalband Le Tombeau bei, in der Klaus Adelmann der Mastermind war. Mit ihm spielte ich früher schon in Coverbands, bei denen wir viel Beatles nachspielten und ich erste Begegnungen mit pubertierenden, weiblichen Fans hatte. Klaus Adelmann hatte mich nun in die Welt der Synthieklänge eingeführt. Ich merkte schnell, dass man mit einem Vier-Spur-Recorder und einer kleinen Drummachine allein Musik aufnehmen kann. Das muss Ende 1984 gewesen sein und es war somit die Geburtsstunde der anfänglichen One Man Band Schwefel. Das erste C 30-Tape habe ich Anfang 1985 fertig gestellt, eigene Texte hatte ich damals noch nicht. Die Musik war deswegen hauptsächlich instrumental gehalten, manchmal fügte ich Gesang in einer Fantasiesprache hinzu. Einer der richtigen Texte auf dem Tape war „The Music Crept By Us“, welchen ich aus einem Leonard Cohen-Gedichtsbuch entnommen hatte. Es gibt noch einen zweiten Text, allerdings ist hier der Urheber nicht mehr nachvollziehbar. Das Tape hieß „Strange Orchestras“, den Titel hatte ich von einem Song von Tyrannosaurus Rex übernommen. Das Cover hatte ich von dem legendären Buch „Acid“ (Märzverlag) ausgeschnitten. Es enthält eine Warhol-Fotografie (vermutlich Holly Woodlawn) und im Innencover ein Bild vom Empire State Building-Film, ebenfalls von Andy Warhol. Ich hatte die Kassette sehr lange nicht gehört, doch es hat Spaß gemacht sie zu remastern. Sie ist eigentlich ein schönes Frühwerk, welches sehr jungfräulich entstand. Ein reines Experiment. Die Musik entstand sehr instinktiv. Wie eine Befreiung aus den kalten Drogennächten, auf die um 6 Uhr morgens der Winterdienst folgte. Ich kopierte ein paar Tapes und gab sie ein bisschen rum. Es gab auch eine Rezension in einem regionalen Fanzine. War ein ziemlicher Verriss. Das war mir aber eher nicht so wichtig. Das Wichtigste war, einen Tonträger in Händen zu halten, der von mir war - ganz wie meine geliebten Schallplatten.


NORBERT SCHWEFEL